Der Ticwatch S Test hat mich einiges an Nerven gekostet. Seinerzeit war sie ein mega erfolgreiches Kickstarter Projekt. Bildschön und sportlich, möchte sie dank Wear OS die perfekte Symbiose aus Sportuhr und Kommunikationszentrale sein. Was sie letztlich wirklich taugt, wird der Test zeigen. 




Wer sich mit dem Thema Smartwatch einigermaßen ernsthaft befasst, wird sehr schnell auf die üblichen Verdächtigen wie Apple Watch oder Samsung Gear stoßen. Aber nicht viele sind bereit mehrere hundert Euro für so eine halbwegs intelligente Uhr auszugeben. Genauso wie ich. Also sucht man nach Alternativen. Die findet man ebenfalls sehr schnell.

Die kommen meist von Huawei, Fossil usw und sehen für meinen Geschmack zu öde aus. So normal. Ich mag es sportlich markant. Eben was für sportliche Männer. Da wird die Auswahl schon merklich kleiner. Ziemlich genial ist da schon die Amazfit Stratos (Testbericht), die ich nach wie vor liebe, aber auch andere Mütter haben sicher schöne Töchter.

Eben die Ticwatch S. Das S steht für Sport. Leider wollte Mobvoi mir kein Testgerät zur Verfügung zu stellen. Also habe ich mir bei ebay eine ersteigert. 

Technische Daten Ticwatch S:

  • Android Wear OS
  • iOS ab 8.0 oder Android ab 4.3
  • 1,4″ OLED Display mit 400 x 400 Pixel
  • kratzfestes Display
  • 1,2 GHz MTK MT2601 Dual-Core Prozessor
  • 512 MB RAM
  • 4 GB interner Speicher
  • Bluetooth 4.1 BLE
  • WLAN 802.11 b/g/n
  • GPS / GLONASS / BeiDou
  • Gyroskop
  • 6-Achsen Beschleunigungsmesser
  • Pulsmesser
  • Schrittzähler
  • Mikrofon und Lautsprecher
  • Spritzwassergeschützt nach IP67
  • 45 x 13 mm
  • 46 g (inkl. Band)
  • 290 mAh

Produktseite: mobvoi.com/eu/ticwatchs

Deutsche Bedienungsanleitung: n/a

Die Ticwatch S gibt es in den Farben Schwarz (Knight), Weiß (Glacier) und Gelb (Aurora) zum Preis von 199 € und ist z.B. bei Amazon* erhältlich. Das kleinere Modell Ticwatch E (Express) ist bei gleicher Ausstattung etwas kleiner, leichter und kostet bei Amazon* exakt 159,99 €. Sieht meiner Meinung nach aber nicht so edel aus.

Im Lieferumfang befindet sich neben der Uhr noch eine USB Ladeschale und eine deutsche Kurzanleitung. Ein Netzteil fehlt zwar, allerdings kann das Ladekabel an jede USB Buchse angeschlossen werden.

Verarbeitung und Ausstattung:

Die Ticwatch S wirkt beim ersten mal in die Hand nehmen sehr wuchtig, dafür aber relativ leicht. Komplett mit Band wiegt sie gerade einmal 45 g. Das Resultat aus jeder Menge Polycarbonat als Hauptbestandteil. Dabei ist Polycarbonat nichts anderes als Plastik und genauso fühlt sich die Ticwatch S leider auch an. Alles andere als hochwertig. Ehrlich gesagt eher billig, denn auch bei der Verarbeitung ist nicht alles so wie man es sich wünscht.

So zeigen sich schon nach zwei Wochen am Gehäuse erst Abnutzungsspuren in Form von matten Stellen und auch das Armband sieht älter aus, als es ist.

Apropos Armband. Dieses besteht aus einer Art Silikon und hat einen Verschluss aus Plastik. Hallo? Plastik? An einer 200 € Smartwatch? Das kann selbst die erheblich günstigere Konkurrenz besser. Zudem ist das Armband nicht wechselbar, denn am Übergang vom Armband zum Gehäuse befinden sich die GPS-Sensoren.

Das Multitouch-Display ist ein OLED und laut Hersteller kratzbeständig, aber leider ohne nähere Angaben dazu. Wohl kein Gorilla Glass, denn das würde niemand verschweigen. Dafür zieht dieser Name zu gut. Dafür leuchtet es sehr hell und reagiert sehr gut auf Berührungen. Dumm nur, dass man es bei Sonnenschein sehr hell einstellen muss, um etwas zu erkennen, was der Akkulaufzeit absolut nicht gut tut.

Eine automatische Helligkeitsregelung gibt es nicht. Daher auch nicht den gefürchteten „Flat Tire“ Effekt. Damit ist eine Abflachung im unteren Bereich des Display gemeint, in dem bei manchen Uhren der Helligkeitssensor versteckt ist.




Aktiviert, also das Display einschalten, wird die Uhr über die typische „Auf-die-Uhr-schauen-Geste“, antippen des Display oder drücken der Taste. Also drehen des Handgelenks. Durch eine Nicht stören Funktion, kann man diese Funktion in der Nacht deaktivieren. 

Die angedeutete Lünette ist nicht drehbar und hat somit nur optische Zwecke. Der einzige Knopf ist zum Ein- oder Ausschalten und bringt den Nutzer zum Hauptbildschirm zurück. Warum man diesen Knopf an der linken Seite angebracht hat, erschließt sich mir nicht. Besser von der Bedienung wäre es an der rechten Seite.

Der interne Speicher hat eine Größe von 4 GB, allerdings habe ich keine Möglichkeit gefunden, diesen sinnvoll zu nutzen z.B. mit Musik zu füllen. Das Ladekabel scheint keine Datenleitung zu haben. Mein Teufel Headset findet es zwar, lässt sich aber mit diesem nicht verbinden. Scheint wohl wirklich nur für die Verbindung zum Smartphone genutzt zu werden.

Wasserdicht ist die Ticwatch S leider auch nicht. Nur spritzwassergeschützt. Hände waschen ist ok, mehr aber auch nicht. Steht auch extra auf der Homepage: (nicht für Duschen oder Schwimmen geeignet). Sehr schade, denn auch hier hat die Konkurrenz mehr zu bieten.

Auf der Rückseite sieht man die Pogo-Pins für das Ladegerät und der optische Pulssensor, der aber keine kontinuierliche Messung erlaubt.




Kommen wir zum Akku. Ein eher trauriges Thema. Liegt aber nicht speziell an der Ticwatch S, sondern an Wear OS an sich. Da wirklich jede Nachricht direkt an die Smartwatch geschickt wird, sich dadurch das Display aktiviert und daher auch permanent eine Verbindung bestehen muss, frisst die Ticwatch S den Akku förmlich leer.

Bei einer Helligkeit auf Stufe 3 von 5, wenigen Benachrichtigungen und einmal pro Tag etwas Sport, hielt mein Akku keine 10 Stunden durch. Äußerst fatal, denn ich lasse mich von ihr auch wecken. Blöd nur, dass mit 40% Akku kurz nach Mitternacht ins Bett bin und sie sich offensichtlich in der Nacht wegen Akkumangel abgeschaltet hat.

Beim Sport sollte man darauf achten, dass der Akku stets aufgeladen ist, denn eine Stunde Aktivität verschlingt gut und gerne mal 23% der Kapazität.

Erst nachdem ich alle möglichen Funktionen einschränkt oder komplett deaktiviert habe, kam ich ganz knapp über den Tag. Damit schafft sich die Ticwatch S quasi selbst ab, denn was nützt mir eine Smartwatch, wenn ich diese nur vernünftig lange kann, wenn ich alles deaktiviere.

Die Ladeschale ist magnetisch und passt nur in einer Richtung. In etwas einer Stunde ist der Akku wieder vol aufgeladen.

Verbindung und Bedienung:

Die zur Ticwatch S passende App nennt sich bei Android Mobvoi und nicht wie in der Anleitung beschrieben Ticwatch. Das sorgt zu Beginn etwas für Verwirrung. Zusätzlich wird bei Android noch Wear OS benötigt. Bei iOS nennt sich die App schlicht Ticwear.

Bei Android gibt es eine ganz klare Teilung der Aufgaben. So ist die App Wear OS für so gut wie alle Funktionen der Uhr zuständig. Also Benachrichtigungen, Apps, Watchface usw. Mit der Mobvoi App behält man alle erfassten Daten im Blick.

Leider ist die Mobvoi App sehr übersichtlich und stellenweise nicht sehr gut übersetzt. Oder was bedeutet „Cargar datos de salud en el servidor“? Bedeutet so viel, ob alle Daten auf einen Server hochgeladen werden sollen oder nicht.

Leider deshalb, weil sie nur über sehr wenige Funktionen verfügt. Eigentlich über gar keine, außer das Eintragen der persönlichen Daten und das Anzeigen von ein paar Daten wie Schritten, zurückgelegte Strecken, verbrauchte Kalorien, Workouts und aktive Stunden. Und das auch nur oberflächlich. Der Schlaf wird z.B. gar nicht überwacht und der Puls nur bei laufenden Workouts. Hier wird meiner Meinung nach sehr viel Potential verschenkt.




Die wichtigsten Dinge steuert man sowieso direkt auf bzw. über die Ticwatch S. So kann man direkt ein Workout starten. Die Auswahl ist aber eher bescheiden. Neben Joggen gibt es noch Spaziergang, Laufband, Rad fahren und Freestyle. Dieses steht dann wohl für alles andere. Dank Wear OS kann man aber Apps wie Runtastic installieren und damit arbeiten.

Die Bedienung der Ticwatch S ist dabei sehr einfach. Drückt man den Knopf, gelangt man zu den installierten Apps. Nach unten wischen führt zu den Einstellungen der Smartwatch, die ziemlich umfangreich sind. Durch Wischen nach unten öffnet man die Benachrichtigungen. Wischt man nach links oder rechts, kann man das Watchface ändern, was leider viel zu oft aus versehen passiert.

Übrigens läuft bereits Wear OS 1.3 mit Android 8.0 Oreo auf der Ticwatch S und ist damit aktuell (Stand Juli 2018)

Praxistest:

Da ich bis vor kurzem die Amazfit Stratos (Testbericht) getragen habe, kann ich die Ticwatch S sehr gut vergleichen. Prinzipiell gibt es am Tragekomfort der Ticwatch S nichts auszusetzen. Auch wenn sie recht groß ist, spürt man sie über den Tag nicht wirklich. Im Bett ist das etwas anderes. Da hat sie mich schon gestört. Zumal man sie über Nacht manuell kalt stellen muss. Also Display deaktivieren, sonst aktiviert es sich bei jeder Handbewegung, „Bitte nicht stören“ aktivieren und am besten gleich noch den Flugmodus, damit sich nicht der Akku weiter entleert. 

Hier fehlt mir eindeutig eine automatisierte Bitte-Nicht-Stören Funktion. Die Bedienung ist wie schon erwähnt kein Problem, aber die Auswahl des Watchface hätte man gerne in ein Untermenü packen können. Ich habe es mir zu oft aus Versehen verstellt. Stattdessen hätte man die Fitnessoptionen mit einem Swipe erreichbar machen können oder besser noch selber wählen lassen.

Für „normale“ Läufer wie mich gibt es alles wichtigen Daten, welche die Uhr erfasst und auch anzeigt. Während der Aktivität auf dem Display und danach sehr ansprechend als Grafik den  Puls, Strecke, Kalorien, Pace, Schrittfrequenz, Schrittlänge usw. Für Profis werden aber wohl viele andere Infos fehlen wie z.B. Höhenmeter.




Wear OS sei Dank, kann man aber jede Menge zusätzlicher Apps installieren, mit denen die Funktionen der Ticwatch S nahezu unendlich ausgebaut werden können. So nutze ich bei mir Runtastic zum Laufen, Runtastic Results für Workouts und noch ein paar mehr. Dumm nur, dass die Apps den Akku in Nullkommanix leer saugen. So muss man sich am Ende doch auf das wesentliche beschränken. Übrigens ist das keine dumme Idee, ein zweites Ladegerät* nebst einer kleinen Powerbank für unterwegs zu haben.

Übrigens So ein Tracker soll primär richtig zählen und messen. Und genau das tut die Ticwatch S richtig gut. Meine Laufstrecke und auch sonst, was ich alles aufgezeichnet habe, wird exakt erkannt. Laufe ich 100 Schritte, dann werden mir 100 Schritte angezeigt. 

Das mit dem Puls ist aber immer so eine Sache. Zuerst einmal muss man bedenken, dass die Ticwatch S nur während einer Aktivität den Puls permanent misst. Auf Wunsch kann man eigene Messungen über die Apps auf der Uhr starten. Allerdings gilt es zu bedenken, dass Messungen an der Oberseite des Unterarms bzw. Handgelenk nie exakte Werte liefern können.

Es hat schon einen Grund, warum wir im Rettungsdienst und der Medizin allgemein an der Unterseite messen. Und so weichen die von der Uhr gemessenen Werte immer um ein paar Schläge gegenüber einer professionellen Messung ab. Für Normalos reicht das. Alle anderen müssen sich einen Brustgurt umschnallen.

Links die Ticwatch S und rechts die Amazfit Stratos

Fazit:

Ist die Ticwatch S empfehlenswert? Nein, absolut nicht. Nur schön sein nützt mir nichts. Das liegt nicht einmal am hohen Akkuverbrauch der Smartwatch. 

Das Gesamtpaket überzeugt mich nicht. Die App bietet nur karge Kost und so muss ich gezwungener Maßen auf externe Apps zurückgreifen, die des Akku zusätzlich strapazieren. Dann fehlen mir wichtige Optionen wie eine frei definierbare Nicht-Stören-Funktionen.

Das größte Manko ist aber die starke Konkurrenz in Form einer Amazfit Stratos (Testbericht). Sie kostet sogar noch etwas weniger, bietet aber so viel mehr und das bei einer besseren Akkulaufzeit von bis zu 4 Tagen am Stück.

Am Ende muss jeder für sich entscheiden, was er möchte. Eine Mitteilungszentrale mit eher rudimentären Finessfunktionen, die oft ans Ladegerät muss oder einer echten Fitnessuhr, die zwar nur Englisch kann, aber richtig wasserdicht, durch die riesige Community immer neue Funktionen bekommt, permanent Updates bekommt und wirklich in beinahe allen Punkten der Ticwatch S überlegen ist.

Für mich ist die Sache klar. Die Ticwatch S werde ich direkt wieder verkaufen und bei der Amazfit Stratos bleiben.

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